Steigende Mietbelastungen
Die Mieten steigen kontinuierlich und Wohnraum wird zunehmend knapp. Was bisher nur aus Meldungen aus Großstädten wie Berlin zu vernehmen war, ist auch längst Realität in Müncheberg. Die durchschnittliche Nettokaltmiete von Wohnungsneuanmietungen in Müncheberg liegt aktuell bei 10,08 Euro pro m² (Quelle: immoscout24). Dazu kommen natürlich noch Neben- und Heizkosten. Auch die Preise für Hauskäufe schießen in die Höhe und Kredite werden bis zum Rentenalter abbezahlt. Wohnen: Was eigentlich ein Grundbedürfnis sein sollte, ist zum Luxusgut geworden und wird besonders für Familien mit mehreren Kindern immer mehr zur Sorge. Während Wohnungen mit 1 bis 2 Zimmern noch zu finden sind, werden größere Wohnungen in Müncheberg zur absoluten Seltenheit. Nicht mehr bezahlbarer Wohnraum ist nach aktuellen Studien auch einer der wichtigsten Gründe für den starken Geburtenrückgang in Deutschland (Quelle: Studie von Martin Bujard – Leiter des Forschungsbereichs „Familie und Fertilität“ im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung).
Laut Statistischem Bundesamt haben 16 Prozent aller Haushalte in Deutschland, die zur Miete wohnen, eine Mietbelastung von mehr als 40 Prozent ihres Haushaltseinkommens im Jahre 2022. Das war bereits 4 Jahre her und dürfte seitdem drastisch gestiegen sein. Bund und Länder greifen in den Wohnungsmarkt nicht regulierend ein, Wohnungen werden zu Ware und Spekulationsobjekten. Einzig das Wohngeld als Unterstützungsleistung für Menschen mit niedrigen Einkommen hilft weiter (Bezieher von Arbeitslosengeld II bekommen kein Wohngeld). 1,2 Mio. Haushalte in Deutschland bekommen Wohngeld im Jahre 2023, im Land Brandenburg sind es etwa 4% aller Haushalte (Statistische Bundesamt), wobei Hauptbezieher Rentner, Alleinerziehende und Familien mit geringem Einkommen sind. Parteien wie CDU, FDP und AFD fordern einen weiteren Abbau sozialer Hilfen, was zur zunehmenden Verschärfung der Wohnungslage beiträgt.
Müncheberger Wohnungsgesellschaft mbH
Ein Lichtblick ist die Müncheberger Wohnungsgesellschaft mbH, die derzeit 500 Wohnungen besitzt und vermietet. Was viele nicht wissen, ist, dass auch die Müncheberghalle der MWG gehört und von ihr bewirtschaftet wird. Zusätzlich betreut die MWG derzeit 3 Fremdeigentümer mit insgesamt 44 Wohneinheiten. Es wurden mehrere Betreuungswünsche an die MWG herangetragen, die aber derzeit aus Kapazitätsgründen abgelehnt werden mussten.
Einziger Gesellschafter der MWG ist die Stadt Müncheberg, die die Arbeit dieses lokalen Unternehmens mit einem Aufsichtsrat gemeinsam prüft und steuern kann. Vier Mitarbeitende kümmern sich im Büro in der Ernst-Thälmann-Straße 80 um die Belange der Mietenden, darunter Geschäftsführer Peter Buch. Er erklärt: „Wir haben aktuell einen Leerstand von 4,4 Prozent. Dieser ändert sich aber ständig. Dabei sind wir unablässig bemüht, leerwerdende Wohnungen wieder vermietbar zu gestalten. Das Problem ist aber Fachfirmen zu finden, die die Projekte auch umsetzen können.“ Die Wohnungen der Gesellschaft sind sehr beliebt, da sich die Mieten an den Angemessenheitsgrenzen der KDU-Richtlinie nach § 22 SGB II (Arbeitslosengeld II) anlehnen und derzeit bei 6 bis 7 Euro pro m² Nettokaltmiete liegen. Es gebe, so Peter Buch, sogar einen Zuzug aus umliegenden Gemeinden, weil die Mieten hier so günstig seien. Ganz alte Mietverträge der VEB Gebäudewirtschaft, d.h. Erstbezug vor über 40 Jahren liegen sogar nur bei 3 Euro pro m².
Die Schere zwischen Kosten der Instandhaltung und gleichbleibenden Mieten wird da zu einer großen, wenn nicht größten Herausforderung. Denn nach und nach müssen die Häuser saniert und repariert werden, um sie als Wohnraum zu erhalten. Der technische Leerstand erklärt sich aus Wohnungen, die erst nach umfangreichen Sanierungen komplett wieder hergerichtet werden müssen, wie z.B. die Rudolf-Breitscheid-Str 21/23.
Ein weiteres großes Problem, berichtet Peter Buch, sei die Vereinsamung älterer Menschen in den Wohnungen. Es gibt viele Gründe, warum Familien ihre Ältesten in den Wohnungen zurücklassen: Geldmangel für das Seniorenheim, fehlende Angehörige, Ablehnung eines Wohnungswechsels, preiswertere Altwohnung gegenüber einem neuen Mietvertrag in kleinerer Wohnung, Altersstarsinn. Es komme nicht selten vor, dass Menschen in ihren Wohnungen sterben und die MWG längere Prozesse mit den Nachlassgerichten führt, bis die Wohnungen freigeräumt werden können, berichtet Peter Buch. Ziel sei jedoch immer eine volle Vermietung.
Leerstand trägt zur Wohnungsknappheit bei
Während die Wohnungen der MWG sehr gut ausgelastet sind, gibt es noch einen weiteren Faktor, der zur Verknappung von Wohnraum führt: Leerstand, der systematisch herbeigeführt wird. In Berlin besteht vor allem das Problem, dass Wohnungen zweckentfremdet und als teure Ferienunterkünfte vermietet werden. In Brandenburg hingegen sind es eher Investoren, die Immobilien als Geldanlage kaufen und anschließend ungenutzt verfallen lassen. Bestes Beispiel dafür ist der alte Landwirtschaftshof Augustenaue. Der Investor plant in Zukunft gehobenen Wohnraum rund um den Hof für 750 Menschen. Die vielen neugebauten Eigenheime, die wohl eher sehr einkommensstarken Familien zugutekommen, die beispielsweise von Berlin aufs Land ziehen, werden aber am Wohnraummangel in Müncheberg wenig ändern. Der gleiche Investor von Augustenaue hat seit seinem Kauf vor 5 Jahren auf dem Hof nichts saniert, lässt mehrere Wohnungen verfallen und Mietwohnungen werden nicht nachvermietet, sondern stehen unbewohnt leer. Hier wird bestehender Wohnraum zweckentfremdet und die kommunale Politik handelt bisher nicht. Dabei gäbe es juristische Instrumente der Lokalpolitik: Das Zweckentfremdungsverbot. Es untersagt die Nutzung von Wohnraum zu anderen Zwecken als dem dauerhaften Wohnen. Es gilt beispielsweise in Berlin und Potsdam. Wer eine bewohnbare Wohnung in Berlin länger als drei Monate leer stehen lässt, muss im Rahmen dieses Gesetzes sehr hohe Bußgelder zahlen. Auch in Brandenburg ist das Zweckentfremdungsverbot gültig, allerdings nur, wenn die kommunale Stadtverordnetenversammlung dem Gesetz zustimmt. Jede Kommune muss selbst nachweisen, dass erheblicher Wohnraummangel besteht, und anschließend eine Zweckentfremdungssatzung beschließen. Dass Leerstand in Müncheberg ein großes Problem ist, darüber hatten wir bereits in unserer Ausgabe 3 (Juni 2024) berichtet. Gerade auch der Leerstand von Gewerbeflächen, ob alter Aldi-Markt, Pizzeria am Kreisel, ehemaliger Schreibwarenladen, fällt dabei auf.
Neue Initiativen gründen sich: „Wohnraum für alle“
Wo die staatliche Wohnraumpolitik versagt, gründen sich neue Initiativen wie Hausprojekte, die beispielsweise zwei große Hausanlagen in Münchehofe saniert und für viele Menschen bewohnbar gemacht haben. Für Menschen, die nicht unbedingt in größeren Gemeinschaften wohnen möchten, hat sich 2017 ein Verein „Wohnraum für alle“ in Berlin gegründet, der sich zum Ziel setzt, dauerhaft und generationsübergreifend Wohnungen vom Markt zu nehmen und bezahlbare Mieten zu sichern. Der Verein kauft über Bankkredite und Direktkredite einzelne Wohnungen, die ohne Profit vermietet werden und dauerhaft Eigentum des Vereins bleiben. Auch die Mieteinnahmen der Wohnungen finanzieren den Kauf weiterer Wohnungen.
Direktkredite von solidarischen Einzelpersonen sind für eine längere Dauer geliehenes Geld, das bis zu 3 Prozent Zinsen bekommt. Es werden immer Unterstützende gesucht, die diesen gesellschaftlichen Zweck mittragen wollen.
Betriebswirt Xiao Zhu, der diesen komplett ehrenamtlich agierenden Verein mitgegründet hat, erklärt: „Wir haben bisher 10 Wohnungen vom Markt genommen und für die Bewohnenden gesichert.“ Die Idee ist, dass die Wohnungen auch den Menschen als Vereinsmitglieder gehören, die darin wohnen, auch wenn sie nicht das nötige Eigenkapital haben, um die Wohnung rein privat zu kaufen. Wer z.B. durch Umwandlung der Wohnung in Eigentum von Rausschmiss bedroht ist, hätte die Möglichkeit, mit dem Verein die Wohnung zu kaufen und zu sichern. Auch der Ankauf von Wohnungen in Müncheberg ist durchaus gut denkbar und würde die Struktur weiter stärken. „Wenn man Gesellschaft verändern will, muss man eine stabile Struktur schaffen, um die Menschen neu zu organisieren,“ stellt Zhu fest.
Weitere Details:
Wohnraum für alle: www.wohnraum-fuer-alle.org
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