Herr Pohl, das Müncheberger Altenpflegeheim liegt sehr zentral, sehr sichtbar. Ich finde das ungewöhnlich, wie kommt das und was bedeutet es für die Stadt?
Dazu kann ich, ehrlich gesagt, unendlich viel erzählen. Ich habe 1984 im Vorgängerhaus als Krankenpfleger in der Altenpflege angefangen zu arbeiten. Dann habe ich nochmal studiert und 1990 die Leitung übernommen. Zu dem Zeitpunkt war sehr schnell klar, dieses Heim im Tempelberger Weg, eher ein kleines Häuschen, muss ersetzt werden. Wir wollten ins Zentrum der Stadt, denn die Alten gehören zu uns. Wir kennen Heime, die stehen am Waldrand und es ist total schön und für junge Menschen ein Paradies. Aber alte Leute, die noch vom Bett bis zum Fenster kommen, die wollen nicht nur Apfelbäume und Wiese sehen. Die wollen sehen, dass was passiert.
Und Besuch bekommen sie so mitten in der Stadt ja auch mehr, oder?
Genau. Hier kommen sogar Kinder nach der Schule rein, fahren mit dem Fahrstuhl hoch und wieder runter. Auch das Café hätte ich so nicht vermietet bekommen irgendwo am Wald. Früher gab es hier noch Blumenladen und Geschenkeladen. Das Café bewirtschaften wir jetzt selbst, für die Bewohner und für jeden der kommen möchte.
Ich nehme das auch als sehr lebendigen Ort wahr.
Ja, aber damals gab es riesige Probleme, sogar viele Bedenken gegen den Standort. Es gab Vorbehalte, auch gegen die alten Leute im öffentlichen Blickfeld, die da, ich sag mal „ungekämmt aus dem Fenster rausschauen“. Es hieß, das sei für die Stadt schwierig und nicht gut, wenn so eine große stationäre Einrichtung im Zentrum ist. Auch wegen der Kirche, die dann zugebaut wird. Wir waren dann 1991 mit Bewohnern auf dem Marktplatz und haben uns gezeigt und erklärt, was wir für die nächsten Jahre brauchen. Irgendwann haben wir die Leute davon überzeugt warum wir ins Zentrum wollen. Wir sind eben auch Bevölkerung von Müncheberg.
Wo nehmen Sie diesen Ansatz her?
Natürlich muss ich hier auch auf Budget und Personalzahlen achten. Aber ich sehe mich nicht als der große Chef, der alles weiß, sondern verstehe mich als Anwalt der einfachen Leute hier, der Bewohner, die hier einziehen. Wenn die nicht zu ihrem Recht kommen, kümmern wir uns als Team. Es gab hier einen alten Heimarzt, der mich da auch geprägt hat, der sagte: Die Leute haben in ihrem Leben was geleistet und sie haben es verdient, vernünftig behandelt zu werden und trotz Pflegebedürftigkeit, trotz Demenz, trotz merkwürdigen Verhalten: sie bleiben unsere Bürger und gehören zu uns. Und mir war klar, wenn wir einmal auf der Wiese oder am Wald stehen, wo es vielleicht leichter zu bauen gewesen wäre, dann kommen wir da auch nicht mehr weg. Und so stehen wir nun seit 30 Jahren am absolut richtigen Platz. Bis heute bin ich dankbar für diesen Standort.
Und die befürchteten Schwierigkeiten?
Wir haben keinen eigenen Garten, keine geschützten Wege, also spazieren außerhalb heißt immer gleich in der Öffentlichkeit sein. Und natürlich gibt es Bewohner, denen ist die Straße vorn zu laut. Für jemanden mit einer Hinlauf-Tendenz, der unruhig ist, einfach losgeht, ist es auch schwierig mit der Straße. Mich beschäftigt mehr, dass die Leute inzwischen so hoch pflegebedürftig geworden sind. Die Leute, die hier bei uns sind, sind anders, pflegebedürftiger, schlechter aufgestellt. Früher sind sie freiwillig eingezogen. Es war preiswerter und lebendiger, manche kamen, weil das Fernsehbild besser war. (lacht)
Heute zieht niemand mehr selbstbestimmt ein?
Selten, das hat schon allein mit den Kosten zu tun. Bei 3.000 Euro im Monat zieht man hier ein, wenn es nicht mehr geht. Die meisten kommen im Notfall aus dem Krankenhaus, zum Beispiel nach einem Sturz. Wir haben auch wirklich viele, die in einem sehr desolaten Zustand kommen. Und das ist dann auch ein sozialer Bruch, viele fallen dann plötzlich raus aus den Aktivitäten, an denen sie vorher noch teilgenommen haben, Seniorenkreise, Busreisen.
Was macht das mit der Einrichtung selbst?
Früher hatten wir in der Pflege von 20 Personen zehn mit schwerem und zehn mit leichtem Pflegebedarf. Und heute sind es von 20 eher bei 18 schwierige Situationen. Das ist eine größere Herausforderung. Viele leben dann hier in ihrer eigenen Welt. Wenn wir rausgehen, brauchen wir einen Personalschlüssel 1 zu 1. Deshalb sind auch manche externen Angebote, die wir erhalten, nicht zu realisieren. Es ist schwierig mit unseren Leuten und so fallen die auch aus vielem raus. Viele sind eben nicht nur körperlich, sondern auch geistig in anderer Verfassung. Wir kennen sie, sind für sie da und kommen damit auch klar.
Wie wirkt sich das auf die Mitarbeiter aus?
An der Zahl der Bewohnerplätze hat sich nichts geändert. Wir haben 100 und die sind eigentlich belegt. Darauf kommen 115 Mitarbeiter hier im Haus mit ungefähr 80 Stellen, also einigen Teilzeitstellen. Wir hatten, gerade um Corona herum, riesige Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden. Das hat sich in den letzten Jahren wieder verbessert. Wir haben ja 50 Prozent Fachkräfte, 50 Prozent Helfer. Die Helfer sind eine bunte Mischung. Manche haben eine Grundausbildung, andere nicht, sind eben Quereinsteiger. Die werden hier erfolgreich eingearbeitet. Und wir haben acht Nationalitäten hier, total tolle Leute, die haben einfach das Herz am rechten Fleck und trauen sich die Arbeit mit und am Menschen zu. Die Fachkräfte werden immer weiter in den administrativen Bereich gezogen. Arztkontakt, Diskussion mit den Krankenkassen, Rezepte, Medikamente, Behandlungspflege.
Würden Sie sagen, es geht neben Fachlichkeit und beruflicher Qualifikation auch stark darum, sich hier als Teil vom Ganzen zu verstehen und nicht nur Dienst nach Vorschrift zu machen?
Darum kämpfe ich hier jeden Tag. Es geht darum, von Anfang bis zum Ende dafür zu sorgen, dass der Bewohner bestmöglich versorgt wird. Wenn jemand zum Beispiel aus dem Krankenhaus kommt und der Arzt sagt, er muss dringend ein bestimmtes Medikament bekommen, dann muss das das Ziel des Mitarbeiters sein. Es ist nicht erledigt, wenn das Rezept in der Apotheke liegt, sondern erst, wenn der Bewohner das Medikament erhalten hat. Und von einer Fachkraft erwarte ich zusätzlich, dass noch geguckt wird: Verbessert sich der Zustand des Bewohners? Bekommt der Arzt die Rückmeldung? Es wird viel diskutiert: Mein Job ist aber nur das und das, ich habe alles gemacht. Aber das reicht eben oft nicht aus.
Und was bekommen die Bewohner davon mit?
Wir therapieren nicht, sondern wir begleiten sie. Was soll ich an einem 80-jährigen, der lieber Toast als dunkles Brot essen will, noch herum schrauben? Oder er soll mehr Suppe essen oder mehr trinken. Natürlich regen wir das an, wir beraten ihn. Aber seine Wünsche sind für uns wichtig. Wenn er sagt, ich möchte unbedingt 20 Stück am Tag rauchen, dann sage ich ihm: Ok, auf dem Balkon, aber im Zimmer auf keinen Fall.
Es gibt wahrscheinlich auch wichtigere Dinge?
Ja, zum Beispiel muss der Arzt von allen Bewohnern aus dem Heim zu Beginn des Quartals die Chipkarte einlesen. Das Heim zeigt sich kooperativ und wir fahren nach Bad Freienwalde, Wriezen, Seelow, zu Ärzten und Zahnärzten in Müncheberg. Und auch wenn es die Diskussion gibt, ob wir das wirklich machen müssen: wir wollen das Ziel erreichen, dass wir die Bewohner bestmöglich versorgen. Und das unterstützen wir dadurch. Wir freuen uns, für Menschen was leisten und erreichen zu können.
Was strahlt davon in die Stadtgesellschaft rein?
Wir haben einen guten Draht zu Kindern: Sie führen etwas auf, wir essen gemeinsam, basteln und verbringen Zeit miteinander. Gleichzeitig sind wir ein großer Arbeitgeber in Müncheberg und auch ein wirtschaftlicher Faktor für die Region. Vieles, was wir benötigen, beziehen wir vor Ort – von Lebensmitteln bis zu den Backwaren vom Bäcker gegenüber.
Natürlich sind wir im Stadtleben präsent. Zuletzt waren wir bei der Kleinen Meile dabei, im September werden wir wieder an der Kurzen Nacht teilnehmen, und auch auf dem Weihnachtsmarkt sind wir vertreten. Das freut mich und ich genieße diese Sichtbarkeit auch. Schließlich sind wir mit unserem bunten Haus mitten im Ort kaum zu übersehen.
Trotzdem würde ich unsere Rolle nicht überbewerten. Ein wenig Demut tut uns allen gut. Am Ende können wir nur gemeinsam etwas bewegen und Ziele erreichen. Deshalb würde ich nicht sagen, dass ohne uns nichts ginge oder dass wir eine herausragende Stellung einnehmen. Wir sind ein Teil des Ganzen.
Manches hat sich im Laufe der Zeit verändert. Früher gab es hier beispielsweise Seniorenkreise oder Gymnastikgruppen. Einige Angebote sind weggefallen, andere haben an anderer Stelle ihren Platz gefunden. Alles hat seine Zeit und erfüllt eine bestimmte Funktion. Umso mehr freut es mich, dass neue Initiativen wie Willes Welt oder Thälmanns entstanden sind. Das zeigt, dass sich das gesellschaftliche Leben weiterentwickelt und neue Impulse entstehen. Und gibt es zukünftig neue Möglichkeiten für uns, sind wir gerne dabei. Auf uns als Team soll man sich verlassen können. Zum Beispiel das Essen ausfahren an sehr viele Senioren oder das Angebot des Caterings incl. Anlieferung, gemeinsam machen wir viele gute Erfahrungen.
Vielen Dank für das Gespräch!
von Claudia Krieg
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